Nostalgierennen Herzogsreut


Geschichtlicher Hintergrund

Das Nostalgie-Skirennen in Herzogsreut ist mittlerweile weit über die Grenzen des Landkreises bekannt, konnte man diese Hommage an einen der bedeutendsten Skipioniere unserer Region, Eduard Hauenstein, ja bereits dreimal durchführen. Zum ersten Nostalgie-Rennen kam es im Jahr 1995, ergeben hatte sich alles aus einem Zufall. Beim Durchblättern einer Zeitung aus dem Jahr 1895 wurden Herzogsreuter Bürger auf eine Bekanntmachung in der „Freyunger Waldpost“ aufmerksam:

Bekanntmachung.

Zu dem am Sonntag, den 17. ds. Mts., Nachmittags 3 Uhr in Herzogsreuth bei günstiger Witterung stattfindenden Ski-Rennen ergeht hiermit allgemeine Einladung an die verehrt. Herrn Beamten in Wolfstein und Freyung, sowie die verehrt. Bürgerschaft Freyung mit dem Beisatze, daß nach Beendigung des Ski-Rennens gesellige Unterhaltung im Lenz’schen Gasthause zu Herzogsreuth stattfindet, woselbst für warme und kalte Speisen und vorzüglichen Stoff aus der Lang’schen Brauerei in Freyung bestens gesorgt ist

            Freyung, am 10. März 1895.

                                    Das Comite.

Dieses Skirennen war das zweite überhaupt in Deutschland, außerdem eines der ersten in ganz Mitteleuropa, und wurde vom königlichen Forstassessor Eduard Hauenstein organisiert.


Der aus Kaufbeuren stammende Hauenstein wurde 1893 vom Innendienst der Staatsforstverwaltung in München in das Forstamt Schlichtenberg versetzt, wo er schnell mit den strengen Wintern und riesigen Schneemassen konfrontiert wurde. Seine Reviergänge waren daher sehr beschwerlich, und so wandte er sich an seine Vorgesetzten in München:

„In meiner Einöde, 20 Kilometer von Bahn und Arzt entfernt, traf ich so ungeheuere Schneemassen an, dass ich von der forstlichen Versuchsanstalt in München leihweise Überlassung von Schneeschuhen erbat. Nach acht Tagen kamen 3,30 Meter lange norwegische Birkenski. Obwohl ich Skilaufen noch nie gesehen hatte, erkannte ich sofort, dass ich mit diesen Dingern in dem steilen Bergwald meines Dienstbezirkes nicht viel anfangen konnte. Doch schon die Übungen auf flachen Stellen um mein Haus gaben mir einen herrlichen Vorgeschmack von dem ungeheueren Nutzen, den diese Gleitbretter im Dienst bringen konnten. Nach den Unterlagen des Norwegers Nansen, der auf Skiern 1888 Grönland durchquert hatte, berechnete ich mir selbst Ski und ließ diese vom Dorfschreiner anfertigen. Die Anfangsstudien auf den Brettern, die damals wirklich die Welt bedeuteten, machten mein Forstwart und ich geheim, um nicht bei den unvermeidlichen Stürzen von den Bauern verhöhnt zu werden.“

Hauenstein verbesserte in Zusammenarbeit mit Dorfschreiner Franz Kellermann stets seine hölzernen Helfer und konnte nach und nach auch die Herzogsreuter Dorfgemeinschaft für dieses zu dieser Zeit noch abenteuerliche Fortbewegungsmittel begeistern. Anfangs von den Dorfbewohnern argwöhnisch beäugt, brachte es Hauenstein durch seine intensive und anhaltende Auseinandersetzung mit den Skiern so weit, dass Schreiner Kellermann im Jahr 1894 bereits mit der Fertigung von über 100 Paar Skiern beauftragt wurde. Logische Konsequenz war schließlich ein sportlicher Wettkampf, bei dem jeder seine skifahrerischen Künste unter Beweis stellen konnte. Hauenstein organisierte also das zweite Skirennen Deutschlands, Start war in Schwendreut und es mussten ca. 2 km bis zum Ziel in Herzogsreut zurückgelegt werden. Ein Knabenrennen mit 34 Burschen war der erste Teil, anschließend machten sich beim Hauptrennen 15 Teilnehmer – die meisten darunter „stramme Forstleute“ – unter der Führung von Hauenstein zu Fuß auf den Weg nach Schwendreut, um dann auf ihren Skiern zurück nach Herzogsreut zu fahren.

Aus der „Freyunger Waldpost“ vom 18. März 1895:

„Gestern, den 17. Nachmittag, fand im malerisch gelegenen Pfarrdorfe Herzogsreuth das zweite Skirennen des bayerischen Waldes statt und hatten sich hierzu zahlreiche Gäste und Sportliebhaber aus Bischofsreut, Duschlberg, Freyung, Kleinphilippsreut, Mauth, Neureichenau etc. eingefunden. Bei heiteren Musikpiecen der gut geschulten Auersbergsreuther Kapelle begann der Auszug aus der Lenz’schen Gastwirtschaft und mußten unter Führung des K. Forstassessors Herrn Hauenstein von Schlichtenberg, die Skirenner 2 km gegen Schwendreuth aufsteigen um sodann in rasender Geschwindigkeit dem Sportziele zuzueilen…“

100 Jahre später, am 04. März 1995, erinnerte man zum ersten Mal mit einem Nostalgie-Rennen an den ersten Herzogsreuter Skiwettbewerb vom 17. März 1895. Treibende Kräfte und Organisatoren waren hierbei Josef Madl, damals Vorsitzender der Waldvereinssektion Leopoldsreut, sowie Georg Moritz, seinerzeit Leiter der Sparte Wintersport beim SC Herzogsreut.

Die 52 Teilnehmer in der Historik-Klasse, in passenden historischen Gewändern aus der Zeit der Jahrhundertwende, bewältigten die Originalstrecke von Schwendreut nach Herzogsreut natürlich – wie damals – auf altertümlichen Holzskiern mit Riemenbindungen. Bei den Herren konnte sich Siegfried Weber aus Mitterfirmiansreut als Sieger durchsetzen, bei den Damen war es die Herzogsreuterin Anna Moritz.

Durch das große Interesse an dieser Veranstaltung entschied man, dieses Spektakel zehn Jahre später anlässlich des 110. Jubiläums zu wiederholen. Am 26. Februar 2005 fand also das zweite Nostalgie-Rennen in Herzogsreut statt und man konnte die Teilnehmerzahl bereits mehr als verdoppeln. Dieses Event hatte mittlerweile einen derart hohen Bekanntheitsgrad erreicht, dass nicht nur die Lokalpresse, sondern auch das Bayerische Fernsehen darüber berichtete. Von den über 100 Teilnehmern konnte man etwa 80 in historischer Aufmachung bewundern, die von Großeltern und teils noch von den Urgroßeltern stammten. Sieger wurden im Jahr 2005 Eva Schwarz bei den Damen und Heinrich Pauli bei den Herren.

Im Jahr 2015 war es dann zum dritten Mal an der Zeit, Skipionier Hauenstein die Ehre zu erweisen. Immerhin 85 Teilnehmer stellten sich am 21. Februar der Herausforderung, die Originalstrecke von „Glosan af Haizhaisan“ auf mehr als ungewohntem Equipment zu meistern. Der traditionelle Fußmarsch zum Start gewährte den Läufern einen ersten Blick auf die bestens präparierte Rennstrecke. Nach dem Startschuss um ca. 13 Uhr ging es dann wieder hinunter Richtung Sportplatz ins Ziel, wobei unterwegs bei einigen der Hosenboden vorübergehend Bekanntschaft mit dem Schnee machen musste. Heil angekommen sind Gott sei Dank wieder alle, als Sieger konnten sich Sophie Rothkopf und Josef Stadler auszeichnen.

Nicht nur um die Erinnerung an einen wichtigen Vorreiter des Skisports zu wahren, sondern auch aufgrund des großen Interesses und der Begeisterung in der Bevölkerung für das Nostalgie-Rennen wird dieses auch in Zukunft zu gegebenem Anlass wieder ein fester Bestandteil des Herzogsreuter Veranstaltungskalenders sein. Erwähnt sei hierbei die stets hervorragende Mithilfe der übrigen Dorfvereine, die dem Sportclub immer wieder aufs Neue die Organisation erheblich erleichtern.